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Ein Vorbild sein
«Der Philipp ist der erste seiner Art, ein echter Prototyp!» Ein glänzendes
Vorbild, wie Bernd Esser sagt. Ginge es nach dem zuständigen Lehrer für
Begabtenförderung am Herzogenrather Gymnasium, würde es künftig viele
Philipps geben.
Das Problem ist nur, dass potenzielle Kandidaten für das «Herzogenrather
Modell der individuellen Begabtenförderung» rar gesät sind.
«So was hat es ja nicht ohne Grund noch nie gegeben», sagt Esser, dem kein
ähnliches Konzept bundesweit bekannt ist. Glänzende Schulnoten,
Selbstständigkeit, Beharrlichkeit, hohe Frustrationstoleranz, ein straffes
Zeitmanagement und mehr brauche es, um Schullehrer und Lehrherren
gleichzeitig zufrieden zu stellen. Daher ahnt Bernd Esser: so einen Philipp
gibt es wohl so bald nicht wieder.
Möglicherweise einmalig
Der möglicherweise einmalige junge Mann lächelt heute und hat es auch
während der vergangenen drei Jahre stets getan. Trotz «wirklich
vollgepackter Tage», wie er sagt.
Denn er hat für das Abitur nicht weniger lernen müssen als seine Mitschüler.
«Ich bin bloß tageweise freigestellt worden, um auch die Berufsschulen
besuchen zu können.»
Die in Herzogenrath für den wirtschaftlichen und die in Alsdorf für den
technischen Teil der Ausbildung. Den praktischen Part hat er an drei Tagen
pro Woche für jeweils vier Stunden bei dem Alsdorfer Softwareunternehmen
Veda erledigt.
Dort hatte er vor vier Jahren ein Schulpraktikum gemacht. Dr. Ralf Gräßler,
geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens, kann sich sehr gut daran
erinnern. «Und war gleich klar: Der ist ein Ausnahmetalent. Zielstrebig,
motiviert, ungeheuer flexibel.»
Ein Typ, wie er heute in der Branche gefordert sei, die von Projekt zu
Projekt umdenken muss. Ein Rohdiamant, bereit für den ganz frühen Schliff.
Gemeinsam mit der Schule, die im Rahmen der KURS-Kooperation der Industrie-
und Handelskammer ohnehin seit 2002 Partner des Unternehmens ist, ist damals
das Konzept ersonnen worden. Das «Konzept Philipp» - maßgeschneidert!
Großen Wert haben alle Beteiligten darauf gelegt, dass der Kandidat nicht
zum Versuchskaninchen wird, das eventuell auf der Strecke bleibt.
«Hätte Philipp jemals unter einer Belastung gelitten, hätte das Abitur
Vorrang gehabt, dann wäre die Ausbildung abgebrochen worden», sagt Gisbert
Kurlfinke von der IHK.
Die Gefahr bestand nie. Philipp hat es nicht bloß geschafft, «mitunter
morgens im Gymnasium eine Klausur zu schreiben und mittags eine in der
Berufsschule, dann in die Firma zu fahren und ein Projekt für einen Kunden
fertig zu stellen».
Er hat auch in den Abendstunden («manchmal bis nach Mitternacht») seinen
versäumten Schulstoff nachgearbeitet. Und bei all dem hat er seine Freundin
und Freunde getroffen, an den Wochenenden gefeiert und Basketball gespielt,
als sei das alles gar kein Ding. «Ich habe auf nichts verzichtet», sagt er
heute.
Im Gegenteil: er hat viel bekommen. Nicht bloß ein Know-how, wie es wohl
kaum ein Gleichaltriger hat. Er hat als Azubi ja auch Geld verdient. Genug
für ein Moped, mit dem er zwischen den Schulen und seinem Ausbildungsplatz
pendeln konnte. Genug auch für den Führerschein und später ein Auto. Sogar
ein Urlaub in Barcelona war drin.
Urlaub wird er sich jetzt nicht gönnen. Am 13. Januar hat er seine
Ausbildung beendet, im April wird er ein BWL-Studium in Köln beginnen.
Dazwischen arbeitet er. «Auf Philipp wollen wir doch nicht verzichten», sagt
Sabine Schmitt, bei Veda zuständig für das Personal.
«Er ist bei unseren Kunden sehr beliebt.» Auch während der Semesterferien
möchte er künftig in Alsdorf arbeiten. Zielstrebig, der Mann. «Jetzt kommt
die Uni, vielleicht ein Auslandssemester. Dann würde ich gerne etwas im
Bereich Unternehmensforschung machen.»
Auf das Konzept des Gymnasiums sind auch die Bezirksregierung und das
Schulministerium NRW aufmerksam geworden. Schulleiter Reinhard Granz: «Uns
winkt dafür das Gütesiegel für individuelle Förderung.» Und wer weiß,
vielleicht findet sich bald ein neuer Kandidat für die Ausbildung während
der Schulzeit.» Granz: Der Weg ist bereitet. Philipp hat da eine richtige
Bresche geschlagen.» |