Gymnasium Herzogenrath

GESELLSCHAFT | Spannende Gesprächsrunden (15.06.2015)

Zeitzeugen aus dem 2. Weltkrieg zu Gast
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Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Herzogenrath konnten in den letzten Wochen gleich zweimal Geschichte hautnah erleben.

Zeitzeugen waren Gäste in der Aula unserer Schule.

Von diesen denkwürdigen Begegnungen berichten Nina, Annika und Kathrin aus der Klasse 9d und Roman aus der Jg. Q1

Nina Franke, Annika Marten und Kathrin Thielen aus der Klasse 9d:

Am Donnerstag, dem 28.05.15, kam ein ziemlich ungewöhnlicher Gast ins Gymnasium Herzogenrath. Der Jude Salomon Perel entkam dem Holocaust der Nazis, er überlebte mitten in Deutschland als Hitlerjunge Jupp Perjell.
zeitzeugen_2015_01Auf beeindruckende Art und Weise erzählte er von seinen Erlebnissen als Jude mitten unter den Nazis. Es waren Geschichten über die man schmunzeln konnte, jedoch berichtete er auch über die Zerrissenheit seines Doppellebens als Jude Sally und als Hitlerjunge Jupp, was sehr ergreifend war.
Er begann damit, dass er als Sohn einer jüdischen Familie 1925 in Peine, welches in der Nähe von Braunschweig liegt, geboren wurde, jedoch mit seiner Familie 1938 nach Lodz in Polen flüchtete, nachdem die Nazis das Schuhgeschäft der Eltern verwüsteten. Dort lebte der inzwischen 90-Jährige aber auch nicht lange. Denn als nur ein Jahr später Deutschland Polen überfiel, floh er mit seinem älteren Bruder Isaak in den sowjetischen Teil Polens, während seine Eltern und seine Schwester Bertha in Lodz blieben. Bei seinen zukünftigen Entscheidungen, z.B. seinen jüdischen Glauben zu verleugnen, halfen ihm die Worte seiner Mutter, die sie ihm bei der Trennung sagte: „Du sollst leben!“
Während des Krieges von Deutschland gegen die Sowjetunion wurde er von der Wehrmacht gefangen genommen, konnte sich jedoch als Volksdeutscher ausgeben. Da er perfekt Deutsch und Russisch spricht, wurde er für die 12. Panzerdivision als Dolmetscher bei dem Verhör sowjetischer Gefangener eingesetzt.

zeitzeugen_2015_02Nach zwei Jahren an der Front wurde er ins eigentliche Deutschland zurückgebracht. Dort besuchte er die HJ-Schule in Braunschweig. Da fing er, aufgrund der Begegnung mit dem Nationalsozialismus, sogar an, die deutsche Politik zu verstehen. Später beschreibt er es als „Gift, das jeden Tag in die jungen Gehirne geträufelt wurde“.
Durch seinen stets kühlen Kopf konnte er seine Beschneidung verbergen und auch bedrängende Fragen schnell und gut beantworten. Das verhinderte seine Entdeckung.
Am Ende des Krieges wurde er nochmals Soldat, wurde dann von der US-Armee gefangen genommen und wenig später freigelassen. Bis auf ihn und seine zwei Brüder Isaak und David überlebte keiner aus seiner Familie. Er zog nach Kriegsende nach Israel, da er sich in Deutschland unerwünscht fühlte. Erst nach 40 Jahren war er bereit, über sein Schicksal zu schreiben. Sein Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“, welches unter demselben Namen verfilmt wurde, veröffentlichte er 1990.
Seit einigen Jahren ist er nun zweimal im Jahr auf Lesetouren unterwegs, auf denen er besonders in Schulen der jungen Generation seine Erlebnisse im Dritten Reich näher bringen möchte.

Roman Helzle aus der Jg. Q1:

Eine Woche nach dem Besuch von Sally Perel, der uns Schülern aus seinem aufregenden und abenteuerlichen Leben erzählte, wurde am Dienstag, dem 9. Juni 2015, durch die Fachschaft Geschichte und vor allem durch Herrn Reiferths Engagement ein weiterer Nachmittag für alle Interessierten angeboten: Vier Abiturienten des Jahres 1953, also dem ersten Abiturjahrgang an unserer Schule nach dem Zweiten Weltkrieg, kamen in die Aula unseres Gymnasiums, um über ihre Schulzeit, das Leben nach dem Krieg und ihr heutiges Leben zu erzählen und gemeinsam mit uns Schülern über verschiedene Themen zu diskutieren.
zeitzeugen_2015_03zeitzeugen_2015_04zeitzeugen_2015_05zeitzeugen_2015_06Zunächst wurden die vier Herren von Herrn Reiferth und zwei Schülervertretern (Anna-Lena Albert und Roman Helzle) in Empfang genommen und durch das Schulgebäude geführt. Sie sahen zum Beispiel die neumodischen Naturwissenschaftsräume, aber natürlich auch alles andere, was wir Schüler jeden Tag zu sehen bekommen. Im Laufe der Führung stieß noch Lehrer Udo Küppers hinzu, der, zur Verwunderung aller Anwesenden, einen der Gäste während seiner eigenen Schulzeit bis zum Abitur als Klassenlehrer hatte.
Nach der Führung betraten die vier alten Schulkameraden die beachtlich gefüllte Aula und dank der Begrüßung in Obama-Manier (ein lautes „Grüß Gott!“, wie der US-Präsident beim G7-Gipfel) war schnell klar: Das wird ein lockerer und dennoch spannungsvoller Nachmittag mit den Herren, die uns das Nachkriegsdeutschland ein wenig näher bringen können.
Die Zeitzeugen begannen damit, sich erst einmal vorzustellen und ihre Lebensläufe ein wenig wiederzugeben. Der eine war Lehrer, ein anderer erkannte nach etwas Suchen seine Berufung als Notar. So sammelten wir Schüler mit und mit Informationen über das Leben jedes Einzelnen. Interessant war beispielsweise auch, dass einer der Männer einen älteren Bruder an der Schule hatte, der schon während des Krieges Abitur gemacht hatte. Von dessen Abiturjahrgang konnte er noch eine Karte samt Zeichnung mitbringen. Darauf zu sehen war eine Pferdekutsche mit Jugendlichen darin, im Hintergrund machten Kinder in Fenstern eines Schulgebäudes große Augen. Während die Karte herumgereicht wurde, erfuhren wir die Geschichte hinter der Zeichnung: Das war, so würde man heute sagen, der „Abi-Gag“ des Jahrgangs. Man hatte sich eine Kutsche geliehen und fuhr damit zu Beginn der ersten Pause vor dem Schulhof des damaligen Gymnasiums herum. Heutzutage ist solch ein Abi-Streich wohl kaum noch vorstellbar.
Nach etwa einer halben Stunde war die Vorstellungsrunde vorüber, und es durften alle möglichen Fragen an die Herren gestellt werden. Viele Schüler wollten etwas wissen. Etwas von der damaligen Zeit, dem Alltag, dem Unterrichtsablauf, über das ganze Schulsystem und natürlich auch zum Krieg, dem Dritten Reich und der Zeit danach. Die Fragen wurden zur Freude der Schüler sehr ausführlich beantwortet und so kam es häufig vor, dass man dachte, die Frage sei geklärt, und dann stand doch noch einmal einer der Vier auf und fragte: „Darf ich dazu nochmal eben was ergänzen?“. Dies stieß keinesfalls auf Gegenrede, auch wenn es am Ende schade war, dass nicht alle Fragen beantwortet werden konnten. Denn auch die Schulfreunde hatten ihre Fragen an uns Schüler. So wurde über das heutige Schulsystem debattiert, darüber, ob und inwiefern man heutzutage noch einmal „Benimm“ in der Schule unterrichten sollte und wie wir Schüler uns das weitere Leben, inklusive Studium und Beruf, vorstellen.
Nach etwa eineinhalb interessanten Stunden schloss Herr Reiferth die Veranstaltung, teilte den vier Männern allerdings noch ihre originalen Abiturklausuren von 1953 aus, die noch heute im Archiv der Schule aufbewahrt werden.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass es ein ertragreicher Nachmittag war, sowohl für uns Schüler, als auch für die Lehrer im Publikum und bestimmt auch für die Zeitzeugen. Wir möchten uns an dieser Stelle noch einmal bei den Vieren bedanken und hoffen, dass man sich vielleicht noch einmal wiedersieht (bei einem Ehemaligentreffen oder einem Jubiläums-/Schulfest). Selbstverständlich gilt der Dank auch Herrn Reiferth, der den ganzen Nachmittag sehr ausgewogen und offen gestaltet und geplant hat.