Gymnasium Herzogenrath

SCHULE | Frau Jansen geht in den Ruhestand (Stand: 17-01-2018)

Als Schulleiterin den Schuldampfer mit ruhiger Hand gesteuert

Herzogenrath. Es gibt aus Sicht eines jeden Schülers bekanntlich angenehmere Situationen, als zu einem Vier-Augen-Gespräch in das Büro der Schuldirektorin gebeten zu werden. Nun ist in meinem Fall die Schulzeit schon einige Jahre her und als freier Mitarbeiter dieser Zeitung sitze ich nicht zum ersten Mal im gemütlichen Büro auf der ersten Etage. Brigitte Jansen, amtierende Schulleiterin des städtischen Gymnasiums Herzogenrath, wird mir dafür das letzte Mal in dieser Funktion gegenüber gesessen haben.

Vieles entwickelt sich an diesem Vormittag von alleine. Das Gespräch folgt keinem starren Fragenkatalog, vielmehr stellt sich ein angeregter Austausch von Erinnerungen und Erfahrungen ein. „Eine Schule agiert wie ein Ozeandampfer. Es muss mit ruhiger Hand gesteuert und justiert werden. Beschleunigungen stellen sich verzögert ein und auch der Bremsweg muss immer beachtet werden.“ Dieses Zitat aus den ersten 15 Gesprächsminuten ist besonders in Erinnerung geblieben.

Bedenkliche Entwicklung
Insgesamt 40 Jahre im Schuldienst neigen sich für Brigitte Jansen dem Ende entgegen. Am 31. Januar werden für die zweifache Mutter das letzte Mal die Schulglocken ertönen, bevor sie in den verdienten Ruhestand wechseln wird.

Jansen ist keine Dogmatikerin, vielmehr eine leidenschaftliche Pädagogin durch und durch. Der weit verbreiteten Pauschalisierung der verringerten Hemmschwelle bei der heutigen Generation Schülern steht sie dabei skeptisch gegenüber: „Jugendliche sollen und müssen nach wie vor das Recht haben, zu provozieren.“ Eine Senkung der Hemmschwelle sei dabei keine unumgängliche Entwicklung: „Kinder gehen soweit, wie wir sie gehen lassen.“

Auch für das digitale Zeitalter wünscht sich Jansen, das elementare Dinge wie eine saubere Handschrift und Rechtschreibung oder die heimische Möglichkeit zum Basteln und Malen in der Gesellschaft erhalten bleiben. Größten Respekt habe sie vor Menschen, die mit den Händen arbeiten und ihre Sache ordentlich machen. Schülern müsse zu jeder Zeit das Gefühl gegeben werden,dass handwerkliches Arbeiten dem akademischen Arbeiten in nichts nachsteht.

Überhaupt schätzt Jansen den allgemeinen Trend zur vollständigen Akademisierung der Gesellschaft als schwierig ein. Dieser gerät dann in eine Sackgasse, wenn Eltern Bildungseifer nicht mehr vermitteln können oder gar wollen. Jansen verweist in diesem Zusammenhang auf den stereotypen Wunsch vieler Eltern, dass es die eigenen Kinder einmal besser haben sollen. Allein das Erreichen des Lebensstandards der eigenen Eltern stellt die heutigen Kinder jedoch vor größere Aufgaben als einst. In diesem Falle würde sehr früh ein immenser Druck aufgebaut.

Die Autorität des Lehrpersonals sei über die Jahre keinesfalls korrodiert, allerdings ist der Anteil der „schwierigen“ Schüler merklich gestiegen. „Die All-Inclusive-Erwartungshaltung wälzt alle Aufgaben auf Kindertagesstätten und Schulen ab. Diese können aber nicht alles auffangen.“ Auch in der digitalen Welt sollten Bücher und Schreibwerkzeuge ihren Platz behalten.

Jansen hat während ihrer Laufbahn nie die Konfrontation mit unangenehmen Themen gescheut. Besonders mit ihrer Kritik an „allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen“ sei sie laut eigener Aussage „des öfteren angeeckt“.Der zunehmenden Digitalisierung habe sie dabei nie abwertend gegenüber gestanden: „Es musste allerdings viel Pionierarbeit geleistet werden. Für einen ertragreichen Unterricht ist die reibungslose audiovisuelle Präsentation sowie ein systematisiertes Abspeichern von Dateien und Ergebnissen von großer Bedeutung.“
15 Jahre am städtischen Gym- nasium gehen zu Ende. Bevor sie 2003 Stellvertreterin des damaligen Schulleiters Reinhard Granz wurde und 2012 dessen Posten übernahm, machte sie sich ab 1980 einen Namen am Gymnasium Haus Overbach in Jülich-Barmen. Dort war sie von 1997 bis 2003 Studiendirektorin.

Die Früchte der Arbeit
Neben ihren zahlreichen Pflichten fand Jansen immer einen beispiellosen Ehrgeiz, um ihrer musikalischen Passion gerecht zu werden. Die Lehrerin für Musik und Mathematik nutzte schon zu frühesten Overbacher Zeiten ihr Staatsexamen in Orchesterleitung, um das Overbacher Sinfonieorchester „OSO“ aus der Taufe zu heben. Das Ensemble wuchs auf über 70 Musiker an und lang andauernde Kontakte sowie Kooperationen nach Irland und Nordirland wurden aufgebaut. Nach ihrem Abschied aus Overbach fand Jansen am Herzogenrather Gymnasium eine brach liegende Orchesterlandschaft vor. Auch hier zeigte sich ihr außerordentliches Innovationstalent bei der Gründung eines „neuen OSO“ (Our Symphony Orchestra) in Form eines Orchesterworkshops für Jugendliche aus der Region Aachen, Düren und Jülich. Das Eurode-Jugendorchester – als Nachfolgerin des OSO – sowie das Herzogenrather Schulorchester sind Früchte dieser Arbeit.

Für den Ruhestand plant die passionierte Geigen-, Klavier- und Waldhornspielerin zusammen mit ihrem Mann Franz weiteres Engagement in der „Orchesterszene“.„Vielleicht gibt es ein Orchestertreffen mit den OSO-Musikern. Die Musik ist in den vergangenen Jahren in meinem Leben etwas zu kurz gekommen.“ Die pädagogische Arbeit wird Jansen aber auch ab Februar nicht ganz ablegen können. Für einen fließenden Übergang wird sie ihrer Nachfolgerin Dr. Renate Schwab (zurzeit stellvertretende Schulleiterin am Carolus-Magnus-Gymnasium Übach-Palenberg) tatkräftig zur Seite stehen. Ferner wird sie zumindest bis zum Ende dieses Jahres weiterhin bei der Schulleiterausbildung der Bezirksregierung Köln Qualifikationsmaßnahmen realisieren. Was danach kommt? – „Wir schauen mal!“

[text and photo by: Yannick Longerich, Aachener Nachrichten, 16.01.2018]