Gymnasium Herzogenrath

2004 Literatur

Joonas Andersson, Jg. 12, gewann den 1.Preis im Euriade Literaturwettbewerb für Jugendliche (November 2004)
andersson_2004_2

Joonas Andersson gewann den 1. Preis des Euriade Literaturwettbewerbs 2004. Dieser Preis war mit € 175,00 dotiert. Die Schule gratuliert herzlich zum Gewinn dieses Preises.

Im folgenden findet sich der von ihm abgefaßte Text, mit dem er diesen Preis gewann:

erstellt von Joonas Andersson, 05.November 2004

„Gedanken eines KZ-Häftlings“
29. November 1943

Dieser Brief soll eine Laterne sein, eine Laterne, die ihr Licht in dieser abstrusen und finsteren Zeit noch einmal leuchten lassen soll – auch wenn es nicht minder trübe geschehen mag – wie durch einen glimmenden Flachsdocht. So wie Diogenes mit seiner Laterne nach Menschen suchte, ergo möge dieser Brief viele finden.
Nunmehr muss ich all jenen, die die kommenden Zeilen lesen, die bittere Eröffnung machen, dass ihr nach Ankunft dieses Briefes wohl keinen Weiteren mehr von mir erhalten werdet. Aber lasst dies keinen Grund zur Traurigkeit oder zu Groll gegen irgendjemanden werden lassen, denn schon viele sind denselben Weg gegangen. In der Tat, der Tod hat bisher wirklich furchtbare Ernte gehalten, auch hier bei uns im Lager und so wird auch der meinige Weggang letztlich verblassen, wie ein Dunst am Morgen.
Also warum schreiben? Wofür? Für wen? Wenn ich versuche, nur eine dieser Fragen zu beantworten, nur eine dieser so simplen und einfachen Fragen, dann tauchen im Widerspiel neue Fragen auf, neue Zweifel und eine neue Ungewissheit plagt mich, die sich in meine Seele bohrt und sich dort tief verwurzelt und unheilbare Narben hinterlässt. Schließlich kann man hier nichts ausrichten und man wird überwältigt von der ohnmächtigen Wut und Selbstverachtung. Und ich habe nicht nur eine Träne deshalb vergossen. Resignation? Nein, unter keiner Tyrannei der Welt ließe ich es soweit kommen! Dieserhalb bin ich froh diesen Brief an euch alle noch schreiben zu dürfen – ihn als Fanal in dieser Zeit stehen zu lassen, damit etwas von mir noch ein wenig länger bleibt. Vielleicht etwas von meinen Gedanken, von meinen Gefühlen und meinen Erfahrungen. Egal, was es auch sein wird, ich habe die Hoffnung, dass es nicht einem Reden in den Wind gleichkommt und dort verhallen wird – was wohl der einzige Antrieb war, warum ich überhaupt zu diesem Stift griff.
”Heil Hitler“ oder “Alle Macht dem Volke“? “Il Duce a sempre ragione“ oder “liberté, égalité, fraternité“? Wird nicht jeweils das Erstere durch das Letztere ad absurdum geführt? Nichtsdestoweniger ist jemand, der nur die Volksherrschaft kennt, außerstande, das wesenhafte Ausmaß an Totalität zu erfassen, welche in einer Diktatur herrscht, die jede eigene Meinung in die Knie zu zwingen sucht! Man darf nicht denken was man glaubt, nicht glauben, was man denkt! Gruppenzwang? Vielleicht. Hieran sieht man auch, wie ungleich schwerer es dieser Brief haben wird, denn das Leid, dass ich erlebe – und ich bin es, weiß Gott, nicht allein – ist von einer solchen Tiefe und damit verbundenen Unergründlichkeit geprägt, dass selbst der dienlichste Goethe machtlos wäre, auch nur einen Abriss der Dinge zu geben, die man unter einer Tyrannei, einer Willkürherrschaft, täglich zu leiden im Begriff steht. Das Blut von Millionen ist bereits geflossen und es nimmt und nimmt kein Ende! Folgt darauf Resignation? Nein, das darf es nimmer. Lohnt es, um eines Protestes willen, der ungehört, nutzlos und völlig wirkungslos bleibt, mich solchen Gefahren auszusetzen, meine Familie zu gefährden? So räsonieren nur die, die im Schatten der überfüllten Zuchthäuser und Folterlager stehen. Aschfahl, leichenblass, totenbleich würden sie dastehen zufolge ihrer eigenen Torheit. Jede Kritik erstirbt so letztlich im Anachronismus, da jeder zuerst selber in einer solchen Situation den Mut bewähren müsste. Die Menschen faire chanter ist folglich zu keiner Zeit so leicht, als wenn man ihnen das Recht genommen hat, ihr Fiasko und ihr Unglück zu bekennen, geschweige denn, es zu bekämpfen. Den Menschen möchte ich daher sehen, der nicht zum Sänger würde, stünde auf die Verweigerung des Gesangs das Konzentrationslager.
andersson_2004_1„Alea iacta est“ – wäre doch ein schöner Titel für ein Lied, findet ihr nicht? Man fragt sich daher nicht zu Unrecht, was man als Einzelner gegen die übermächtigen Verhältnisse, in denen wir leben, ausrichten kann? Wahrscheinlich ist aber, dass der Zufall und die Zeit die jetzigen Probleme lösen werden, sie sind schließlich die größten Tyrannen dieser Welt. Vielmehr geht es aber auch in Zukunft etwas dieserhalben zu lernen. Meine Vorstellungskraft ist bestimmt versiegt, signifikant zu bestimmen, was es sein wird. Denn nur noch schwach flimmert meine Laterne im Bewusstsein der mir bevorstehenden Stunden, doch sie wird bestimmt nicht erlöschen. Denn ich lebe und ich sterbe in der Gewissheit, dass sich zweifelsfrei jemand an mich erinnern wird, auch wenn die Zukunft – die in eurer Hand liegt – mich nicht mehr zu retten vermag!
Das augenscheinliche Problem an jeder Willkürherrschaft und an jeder Person, die so handelt, ist, dass sich der Schrecken innerhalb der Gesellschaft anrüchig verselbstständigt und dadurch schlussendlich alles Gute und jeder Funken an Wahrheit ausgemerzt wird. Auch bei mir hat dieser Prozess lange Zeit – viel zu lange – fruchten können. Es entsteht ein Automatismus, aus dessen Fangseilen man sich kaum befreien kann, dessen Früchte viele Unschuldige in dieser Zeit ernten! Wenn diese Automatismen nicht gesprengt werden, was bisher nicht geschehen, finden die Menschen weiterhin ihr falsches Selbstbewusstsein in dem Glauben an den Führer …und alle singen! Faire chanter. Faire chanter… Es muss daher – zumindest für die Zukunft – etwas Vergleichbares her – eine Idee muss her, wofür es sich sowohl zu leben als auch zu sterben lohnt – worauf man dann gerne singt! „Revolutionen“, so drückte es Shaw aus, „haben noch niemals das Joch der Tyrannei abgeschüttelt, sie haben es nur auf eine andere Schulter gewälzt.“ Wer ist aber demgemäß der Sieger über jede Tyrannei oder über den „tyrannós“, der nur die Macht als Ziel hat, zum Selbstzweck erhebt, was sonst lediglich Mittel ist? Ultima ratio – haben wir das Recht darauf, in Anbetracht der Auswüchse der Anormalitäten, der Unwiderlegbarkeit der Realität? Leicht ist man geneigt zu sagen, dass dies wohl die beste Lösung sei. Doch stelle ich mich dann nicht auf die Stufe des Tyrannen? Meine Tat bekommt höchstens einen edleren Anstrich, aber den wahren Gehalt kann es nicht kaschieren. Ich denke daher an das Zwischenmenschliche. Hier fängt schließlich alles an! Hier kann man verhindern, was sich scheinbar nicht verhindern ließ, dass jemand drakonisch, widerlich und grauenhaft wird, so „total“, wie die jetzige Diktatur es vormacht! Welche Idee, welches Ziel könnte denn so gewaltig sein und die Automatismen sprängen? Auch ich habe lange gebraucht, um diese Frage für mich wenigstens ansatzweise zu beantworten.
Es ist dessen ungeachtet der unzähmbare Wunsch nach Freiheit und dabei vor allem die Liebe zu ihr! Nicht derjenige ist Sieger über sie, der sie zerschlägt, sondern der nicht in die Knie geht, der sich von ihr nicht einschüchtern lässt! Der Schrecken sickert zwar wie feiner Sand durch alle Ritze und erscheint dadurch unaufhaltsam, doch nicht minder wird es die Liebe nach Freiheit und Gerechtigkeit tun.
Dieses Leben hat wahrhaft mehr zu bieten, als diese Ungewissheit, diese nagende Zweifelhaftigkeit, diese qualvolle Verschwommenheit und marternde Schattenhaftigkeit! So habe ich also die Hoffnung, dass „jede Waffe, die gegen [mich] gebildet sein wird, keinen Erfolg haben [wird], und welche Zunge es auch immer sei, die sich im Gericht gegen [mich] erheben wird, ich [sie] verurteilen [werde].“ Und wenn ich dies durch meinen Tod beweise! Denn dann habe ich gesiegt! Ich zweifle daher nicht an meiner Zukunft! Ich werde nicht in die Knie gehen!!!
Keine Angst, die „Tünche des Anstreichers“ wird vom Regen, zu seiner Zeit, schon der Wahrheit weichen müssen. Heute übertreibt zwar noch das Unwiderlegbare, doch ich bin guten Mutes, mich den Worten des Diogenes nicht anschließen zu müssen, der keine Menschen fand. Ich werde Eurer bis zuletzt gedenken. Ihr macht es mir dadurch sehr leicht.

Euer Sohn, Bruder und Freund