„Wir wollten leben!“
- Christian Reiferth

- vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 1 Tag
92-jährige Holocaust-Überlebende Henriette Kretz im Dialog mit Schülerinnen und Schülern unserer Schule
Anlässlich des Gedenkens und Erinnerns an die Befreiung des KZ Buchenwald am 11. April sagte Hape Kerkeling „Wer die Erinnerung an die Opfer als Belastung empfindet, vergisst, dass diese Erinnerung das Einzige ist, was uns vor einer Zukunft als Täter schützt. Immer lauter und dreister werden die Stimmen, die nach einem Ende der Erinnerungskultur rufen! Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie.“
Wie wahr!
Unseren Schülerinnen und Schülern bot sich am Mittwoch (6. Mai 2026) eine erinnerungswürdige Möglichkeit und Erfahrung, wahrhaftig eine Überlebende des Holocausts zu treffen. Das Treffen ist das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Marleen Schonmakers und Jo Ziemons vom Bildungsbüro der StädteRegion und der Kollegin Anja Gossens. Zugegen waren Schülerinnen und Schüler des Geschichts-Leistungskurses der Q1 (Frau Anja Gossens) sowie engagierte Schülerinnen und Schüler der Gedenk- und Erinnerungsveranstaltungen in Schule und Klösterchen (Herr Christian Reiferth). Neben Frau Gossens und Herrn Reiferth als Koordinatoren des Fachbereichs Gesellschaft wohnten auch unser Schulleiter, Herr Höbig, und Ganztagskoordinator und Geschichtslehrer Willy Jung mit großem Interesse der Veranstaltung bei.
Henriette Kretz, geboren 1934, hat es sich auch im betagten Alter von 92 Jahren zur (Lebens-)Aufgabe gemacht, Schülerinnen und Schüler von ihrem Leben und Überleben zu berichten und die Erinnerung und Verantwortung an den 2. Weltkrieg und die Shoa/ den Holocaust wachzuhalten.
Frau Kretz wurde 1934 in der damals polnischen Stadt Stanisławów (heute Ukraine) in eine jüdische Familie geboren. Ihr Vater war Hals-Nasen-Ohren-Arzt, ihre Mutter Anwältin, die sich aber der Aufsicht und Erziehung der Tochter widmete. Ihre Kindheit bezeichnete Frau Kretz als behütet und „voller Abenteuer, ganz ohne Smartphones“. Es waren nicht wenige dieser verschmitzten, kecken Feststellungen, die ihrem Vortrag schon zu Beginn, trotz aller zu erwartenden Schwere, einen schüleransprechenden Ton verlieh.
Im September überfällt Hitlerdeutschland Polen, was die Familie Kretz veranlasst, vor den heranrückenden Deutschen zu fliehen. Im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet kommt die Familie in Lemberg, später in Sambor unter, wo ihr Vater in einem Sanatorium für Tuberkulosekranke arbeitete. Mit dem Überfall der Deutschen auch auf die Sowjetunion im Sommer 1941 holt der Krieg Familie Kretz auch dort ein. Zwangsumgesiedelt ins jüdische Ghetto, begann der Kampf ums Überleben. Weiterhin Hunger und Krankheiten wegen mangelnder Hygiene und Überfüllung ausgesetzt, ständig in Begleitung der Angst vor einer Liquidierung des Ghettos und der Deportation in die nicht weit entfernten Vernichtungslager Treblinka, Belzec, Sobibor, Chelmno oder Majdanek und Auschwitz. Ein Leben in Verstecken, das war vorerst das Überleben der Familie, bis sie dann doch noch entdeckt und verhaftet wurden. Frau Kretz musste mitansehen, wie ihre Eltern erschossen wurden; sie selbst konnte im Zuge der Tötung ihrer Eltern davonlaufen und sich zu einem katholischen Waisenhaus durchschlagen, das sie aufnahm. Die Verbindung und Dankbarkeit zu Ordensschwester Zelina, die Frau Kretz bis zum Kriegsende im Waisenhaus versteckte, war eine wiederkehrende Thematik in Frau Kretz Vortrag.
Henriette Kretz überlebte den Krieg als einzige in ihrer unmittelbaren Familie. Ein glücklicher Umstand führte Frau Kretz und ihren Onkel zusammen, der auch überlebt hatte. Sie lebte nach dem Krieg in Antwerpen (Belgien) und Israel und lehrte Französisch und Kunst. Seit 1969 lebt Frau Kretz fortwährend in Antwerpen.
Der Vortrag von Henriette Kretz schockierte und berührte zugleich; eine kleine Dame und ihre große Geschichte vom Überleben.
Henriette Kretz vermochte einen fast dreistündigen Vortrag zu halten, der die Zuhörer jede einzelne Sekunde packte und in die Zeiten von Krieg und Holocaust versetzte wie es kein Geschichtsbuch und kein anderes Medium vermögen. Sie war, sie ist das Medium, das die eigene erlebte Geschichte zu teilen bereit ist und dadurch am Leben hält! Es ist keine Übertreibung festzustellen, dass die Überlebenden von Weltkrieg und Holocaust im Jahr 2026 rar werden. Umso glücklicher darf man sich, dürfen wir uns schätzen, Frau Kretz und ihre Geschichte von ihr selbst erzählt kennenlernen zu dürfen!
Und doch sagt sie: „Meine Geschichte ist nichts Besonderes. Es ist die Geschichte eines jeden jüdischen und verfolgten Kindes damals, nur, dass ich lebe und viele andere nicht.“ Frau Kretz ist 92 Jahre alt, ein beachtliches Lebensalter, das nicht jedem vergönnt ist, erst recht nicht einem jüdischen Kind zur Zeit des Holocaust; das Überleben war „oft nur Glück“, wie sie sagt. Und doch, so Frau Kretz, „bin [ich] oft noch das Kind von damals, nur älter. Und mit 92 Jahren vermisse ich meine Eltern wie ein kleines Kind seine Eltern vermisst“.
Nach ihrem Vortrag beantwortete Frau Kretz noch viele Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer. Auf die Frage, wie man es geschafft hatte, sich derart durchzukämpfen, auch nach dem Krieg, sagte Frau Kretz: „Wir wollten leben.“
Sie gehe noch auf Vortragsreisen, „um Euch zu warnen“, antwortet sie auf die Frage, was heute noch ihre Motivation sei, und „Krieg hat noch nie etwas Gutes gebracht“. Frau Kretz kritisierte deutlich die Neigung des Menschen, aus dem Vergangenen nicht zu lernen: „Wir Menschen haben uns nicht sehr verändert und leider nicht gelernt, zusammen auf der Welt zu leben.“ Dabei: „Es gibt nur eine Rasse: Mensch. Jede Pflanze, jedes Lebewesen hat das Recht zu existieren. Wir müssen uns respektieren“. Und: Hass verdirbt den Menschen. Es ist sehr einfach: Hass und Sündenböcke. So funktionierte das damals und so funktioniert das heute."
Ob Frau Kratz Angst habe, dass sich Geschichte wiederholen könne, beantwortete sie kurz und deutlich: „Oh ja!“
Mit Bestimmtheit darf man sagen: Hier wurde Geschichte erlebt!
Ein großer Dank gilt den Schülerinnen und Schülern für ihr Interesse und guten sowie aufrichtigen Fragen, und allen an der Organisation Beteiligten. Ein großer Dank gebührt Schüler Tom Vincent Mosch, der die Geschichte und unser Treffen mit Frau Kretz im Rahmen der Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung mit viel Herz präsentierte.
Der größte Dank gebührt Frau Henriette Kretz.
Liebe Henriette, alles Liebe und vielen Dank! Wir wünschen uns, dass Du das noch lange machen wirst und Dir viele Menschen aufmerksam zuhören!
„Ich wünsche Euch eine Welt in Ruhe, ohne Krieg.“ (Henriette Kretz an die Schülerinnen und Schüler)
(Text: Christian Reiferth, Koordination Gesellschaft und Zweig Gedenk- und Erinnerungskultur)
















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