„All denen die Leviten lesen, die vergessen möchten, was gewesen!“
- SGH Webteam

- 13. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Gedenken und Erinnern an die Bücherverbrennung durch die Nazis am 10. Mai 1933 im Klösterchen
Fest im Gedenk- und Erinnerungskalender unserer Schule in Kooperation mit dem Soziokulturellen Zentrum Klösterchen verankert, gedenken und erinnern wir exakt am Tag des vergangenen Geschehens am 10. Mai an die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933.
Erneut, zuletzt am 27. Januar (Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz) und im Rahmen von KulturPur im März unter unserem eigenen Dach des SGH, präsentierten eine Vielzahl von Schülerinnen und Schülern der Klassen 7 bis Q1 eigens konzipierte Beiträge aus den Bereichen Geschichte-Politik, Musik, Theater und Literatur.
Der erste Block der Veranstaltung wurde durch den kürzlich für sein antifaschistisches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz (!) ausgezeichneten Wilfried Hammers (Klösterchen) ohne Worte eingeleitet: Das Lied „Sascha (ein aufrechter Deutscher)“ der Toten Hosen hallte durch das Klösterchen, und die Botschaft wurde deutlich, als es hieß „Vor gut 50 Jahren hat’s schon einer probiert, die Sache ging daneben, Sascha hat’s nicht kapiert“. Vor gut 50 Jahren…; das Lied stammt aus dem Jahr 1992, eine Zeit, die sich mit Lichtenhagen, Solingen, Mölln (…) einer Welle von neo-nazistischen Gewalttaten konfrontiert sah; eine von vielen Antworten kam aus der Musik!
Fester Bestandteil des Veranstaltungskonzept ist Liedermacher Udo S. (Schroll), der wie immer pointiert in der Tradition des Protestsongs, drei Lieder zum Besten gab. In seinen Liedern setzte sich Udo mit der drohenden Gefahr von Rechts auseinander, ebenso thematisierte er die Bedeutung des freien Wortes, des Mediums Buch (auch in Anlehnung an die Dystopie von Orwells „1984“) und, im dritten Song, der universellen Botschaft von Antoine de Saint-Exuperys Kleinen Prinzen („Man sieht nur mit dem Herzen gut“) auseinander.
Bürgermeister Dr. Benjamin Fadavian wohnte, wie immer, der Veranstaltung bei und unterstrich in seiner Begrüßung die Bedeutung der Freiheit der Gedanken und Meinung angesichts aktueller Krisen und Bedrohungen, und wies auf die Tragweite der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten hin, die zu Beginn der Machtkonsolidierung keinen Hehl daraus machten, wer ihnen in der sich ausgestaltenden Diktatur ein Dorn im Auge war.
Geschichtslehrer und Organisator der Gedenkveranstaltung seitens der Schule, Christian Reiferth, verwies in seinen Grußworten auf ein Lied von Billy Joel („We didn’t start the fire“), dabei speziell auf die Zeile „No, we didn’t light it, but we try to fight“, um die Bedeutung der Bewusstheit, Aufarbeitung und Verantwortung gegenüber der Geschichte im Verhältnis Vergangenheit-Gegenwart/ Zukunft zu unterstreichen. Ironisch mockierend zitierte er mit Gänsefüßchen die Forderung B. Höckes nach einer „erinnerungspolitische[n] Wende um 180 Grad“, um die „dämliche Bewältigungspolitik“, die Deutschland „lähme“, abzuschaffen. Reiferth stellte klar, dass wir bewusst zurückblicken, um unsere Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, ansonsten drehe man sich ja (360 Grad) im Kreis. Als bewusstes Gegenstück zur Verlautbarung des zitierten „Politikers“ wurde Hape Kerkeling zitiert, der am 11. April bei einer Gedenkveranstaltung im ehemaligen KZ Buchenwald sagte: „Immer lauter und dreister werden die Stimmen, die nach einem Ende der Erinnerungskultur rufen. Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie!“
Wie gewohnt souverän übernahm Caspar Stummer, diesmal mit Schülerin Zita Dubar an seiner Seite, die Moderation. An dieser Stelle sei Raja Miklosch herzlichst gegrüßt! Ein schöner Einstand, Zita! Zita und Caspar leiteten zu jedem neuen Programmpunkt über und versahen den vorhergehenden stets mit Respekt und Anerkennung. Es ist schön zu sehen, wie Schülerinnen und Schüler auch aus dem durch Schule und Unterricht gewöhnten Lehrerblick entwachsen und -im wahrsten Sinne des Wortes- neue Bühnen für sich entdecken und diese füllen. Zita und Caspars Moderation zeigte jeweils sowohl historische Informationen, die ein Verstehen und Einordnen der sich anschließenden Beiträge erleichtern sollten, gleichwohl auch bewusste Kommentare auf tagespolitisches und aktuelles Zeitgeschehen, manchmal bissig, manchmal mit dem nötigen Respekt und mitunter Sorge.
Fabian Pritzkat, der im März selbst im Rahmen der Gedenkstättenfahrt in Auschwitz war, läuft innerhalb des Gedenkzweigs nunmehr unter dem Pseudo- oder vielmehr Synonym „Chef-Historiker“; abermals führte Fabian (Klasse 10) gekonnt in die Thematik ein und betonte die wenigen Wochen seit der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 bis zur Bücherverbrennung am 10. Mai, die ausreichten, um Deutschland (dies schon eigentlich im März!) zu einer Diktatur umzugestalten. Danke, Fabian! Du bist eine verlässliche Konstante und Expertise!
Zita würdigte in einem durch Caspar am Klavier stimmungs- und würdevoll flankierten Intsrumental die verfemten (= ausgegrenzten) Autoren, indem die Feuersprüche („Wir übergeben der Flamme die Schriften von…) umgekehrt wurden in „Wir ENTNEHMEN der Flamme die Schriften von…“; exemplarisch, denn am Ende waren es mehr als 600 verbotene Autoren und fast 4000 Werke (!), wurden einige Autoren ehrenvoll benannt und auch mit Blick auf die Gegenwart an Journalistinnen und Journalisten etc. erinnert, deren aufklärerisches Wirken in totalitären Systemen (oder denen, die sich auf dem Weg dahin befinden) behindert wird.
Die Schülerband Replay brillierte erneut mit gleich vier Nummern: Finja Göhre und Paula Richter (Gesang), Niko Neumann (Gitarre) und Ly Anh Maßen (Bass) (Caspar unterstützte zusätzlich am Klavier) ernteten für eindrucksvolle Darbietungen („Wind of Change“ (Scorpions), „Immer wenn sie diesen Tango hört“ (PUR), „Weiße Fahne“ (Silbermond) und „Imagine“ (John Lennon)). Es sei gestattet zu sagen, dass manchem Zuschauer ein Tränchen entglitt! Eine großartige Leistung, Replay! Danke!
Manche Thematik des Veranstaltungskonzepts ist zugegebenermaßen keine leichte Kost! Vor allem der 27. Januar (Auschwitz) zeugt davon. Und doch partizipieren auch unseren „Kleinen“, was ihnen hoch anzurechnen ist! Die Schülerinnen aus Christian Reiferths Klasse 7c, Aimee Schmittel, Emilie Matzutt, Nele Dreesbach und Lina Keimer, performten ein kleines Szenenstück, in dem Astrid Lindgren (Lina) zu ihren geistigen Kindern Pippi Langstrumpf (Aimee), Ronja Räubertochter (Emilie) und Lotta aus der Krachmacherstrasse (Nele) sprach und mit den starken Kinder- und Mädchencharakteren (Hinweis: Die Idee zu Pippi entstand gar in den späten 30er Jahren als Gegenentwurf zum Totalitarismus und zu Autoritäten und ist das Resultat des geistigen Klimas des 2. Weltkriegs, dessen Ausbruch Astrid Lindgren mit den Worten „Die Welt hat den Verstand verloren“ kommentierte) über Mut, Stärke und Aufrichtigkeit sinnierte. Danke, Aimee, Emilie, Nele und Lina; das war bereits Eure dritte Veranstaltung! Weiter so!
„Wenn Worte Leben kosten“: Die Schülerinnen Ramona Calin und Celina Aruvaino, die bei zurückliegenden Veranstaltungen bereits vor allem im Bereich Theater unter Leitung von Francesco Celestino glänzten, widmeten sich dem 6. Flugblatt der Weißen Rose um die Geschwister Sophie und Hans Scholl, deren Verteilen und Abwurf von Flugblättern in der Universität in München sie das Leben kostete. Am Ende der Rezitation des 6. Und letzten Flugblatts regnete es gar Flugblätter im Klösterchen in Anlehnung an den Abwurf der Flugblätter in der Münchner Uni. Danke, Ramona, danke, Celina; wir freuen uns auf weitere Theater-Beiträge! Danke auch an Dich, Francesco!
Mia Kuck widmete sich im Besonderen der Person und Rolle der Sophie Scholl, und sie gab tiefe Einblicke in die Standhaftigkeit und den Mut, auch angesichts des Todes, einer jungen Frau, die nichts bereut. Besonders bewegten Passagen aus Scholls Briefen an ihr ungeborenes Kind und ihren Verlobten. Danke, Mia; nach Deinem Beitrag im Januar (Zwillingsforschung in Auschwitz) mit Deiner Schwester Lotte, war dies eine weitere, tolle Darbietung!
Venus Masoudi rezitierte nicht nur Anne Frank, nein, sie war Anne Frank! Venus spiegelte ein bekanntes Bild von Anne Frank am Schreibtisch, indem sie in gleicher Manier auf der Bühne Platz nahm und aus dem Tagebuch der Anne Frank als Anne Frank vorlas. Ihre gewählten Passagen zeigten eindringlich die Gefühlswelt einer Heranwachsenden in der Enge und Isolation des Verstecks im Hinterhaus, ihre Sorgen und Konflikte, Hoffnungen und Träume, die Angst des Entdecktwerdens ständig vor Augen; und doch sind es die „normalen“ Gefühle eines Teenagers, damals wie heute, die hier gekonnt eine Brücke schlagen! Selbst gewählte Worte der Q1-Schülerin mit Blick auf Verantwortung eines Jeden schlossen den Beitrag ab. Danke, Venus; schön, dass Du dabei bist!
Literarisch-dichterisch überzeugten, nicht zum ersten Mal, Lina Ortmanns, Laura Stempel und -in Abwesenheit, jedoch in ihren geschrieben Worten präsent- Laura Bonse. Ihre Texte zeigten im thematischen Raum der Bücherverbrennung, dass da, wo verbrannt wird, auch Worte überleben und Worte entstehen, überstehen, bestehen und Tinte stärker sein kann als Feuer. Eure Kreativität und Euer Talent wurden ein weiteres Mal in höchstem Maße anerkannt und wertgeschätzt! Danke, Laura, Lina und Laura!
Die Veranstaltung beschloss Tom Vincent Mosch. Toms Interesse liegt historisch vor allem im Menschen selbst und in seinem Wirken und Nachhall. Letztes Jahr am 10. Mai brillierte er als Thomas Mann, außerdem widmete er sich nur einem Tag nach ihrem Tod am 9. Mai 2025 einem spontanen, eindringlichen Nachruf auf Margot Friedländer. Tom war dabei, als am 6. Mai die 92-jährige Holocaust-Überlebende Henriette Kretz mit Schülerinnen und Schülern unserer Schule sprach. Tom nahm dies zum Anlass, ihre Geschichte (sehen Sie gerne auch: Artikel über dieses Zeitzeugen-Treffen und Henriette Kretz Buch „Willst Du meine Mutter sein?“) in das Konzept von Erinnern und Gedenken einzubetten. Tom, Deine Beiträge sind stets geprägt von Herz und größtem Feingefühl. Danke!
Wir danken den engagierten Schülerinnen und Schülern (namentlich: Fabian Pritzkat, Caspar Stummer, Zita Dubar, Mia Kuck, Venus Masoudi, Laura Stempel, Laura Bonse, Lina Ortmanns, Tom Vincent Mosch, Niko Neumann, Finja Göhre, Ly Anh Maßen, Paula Richter, Ramona Calin und Celina Aruvaino, Aimee Schmittel, Nele Dreesbach, Emilie Matzutt und Lina Keimer) für ihr fortwährendes, überaus großes Engagement! Liebe Schülerinnen und Schüler, Ihr steht damit für wichtige Impulse in schwierigen Zeiten!
Danke seitens unserer Schule und Danke seitens der Stadt Herzogenrath!










































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