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  • AutorenbildCarla Naurath (Q2)

Was bedeutet es, politisch zu sein?

Gedanken zum diesjährigen Serbientaustausch in Herzogenrath


Von Donnerstag, den 15.06. bis Donnerstag, den 22.06.2023 fand der Philosophie-Austausch des StädtischenGymnasium Herzogenrath (SGH) mit unserer serbischen Partnerschule statt. 11 Schüler*innen aus der serbischen Stadt Zrenjanin erlebten mit je einer deutschen Gastfamilie und anderen interessierten deutschen Schüler*innen unter dem Leitthema „Utopien und Dystopien“ eine spannende Woche. Es gab ein interessantes Programm: Wir unternahmen Ausflüge und haben uns durch schülerorganisierte Präsentationen mit philosophischen Themen beschäftigt. Aber wir hatten auch viel Freizeit, in der wir eigenständig mit den serbischen Schüler*innen in Kontakt getreten sind, sie in unseren Familien aufgenommen, uns über unsere Kulturen ausgetauscht und freundschaftliche Beziehungen aufgebaut haben. Als binationale Schülerschaft haben wir unseren Alltag zusammen bewältigt und sind als Gruppe zusammengewachsen. Dabei waren nicht nur die serbischen Schüler*innen und die deutschen Gastschüler*innen vom SGH miteinbezogen, sondern alle vom SGH, die sich für das Programm interessiert haben, konnten uns begleiten. Wir standen auch in Kontakt mit anderen Schulen und haben somit ein schulübergreifendes Programm gestaltet.


George Orwell, Animal Farm


Ich sitze auf einem Tisch ganz am Ende vom Raum E207. Meine Freunde sitzen neben mir und ich lehne gegen Plastikdokumentenablagen, die in meinen Rücken stechen. Vor mir sitzen in einem Stuhlkreis Schüler*innen aus Deutschland und Serbien, den Blick in Richtung des Smartboards gerichtet. Dort läuft gerade der Film „Animal Farm“. Der Film ist die animierte Adaption zu dem gleichnamigen Roman von George Orwell, erschienen 1945. Orwell stellt in vereinfachter Form die Geschehnisse der russischen Revolution 1917–1918 dar, welche zum Aufstieg der Sowjetunion führten. Dafür setzt er rebellierende Tiere in Szene, die auf ihrer Farm gemeinsam eine neue Gesellschaft entwickeln. Anschließend wurde eine angeregte Diskussion über vier von den Schülern entwickelten Fragen zu dem Film geführt.

Zwei meiner Freunde haben das Programm vorbereitet, einer davon sitzt rechts neben mir. Mein Blick schweift vom Bildschirm weg und bleibt an dem Rücken eines serbischen Mädchens vor mir hängen. Es kam mir schon bei unserer kurzen Begrüßung sympathisch vor, mit ihr würde ich mich bestimmt gut verstehen. Ich überlege, bei wem sie wohl untergekommen ist. Meine Austauschschülerin ist noch nicht da, sie kommt erst am nächsten Tag. Weiter rechts flüstert eine Schülerin ihrer Gastschülerin etwas zu. Sie trägt rot gefärbtes Haar und erwidert etwas. Beide wirken amüsiert, wenden sich dann aber wieder dem Film zu. Auch ich widme mich wieder dem Geschehen, das sich vorne abspielt. Der Film ist so gut wie zu Ende: Die Schweine, die den Farmer in seiner Schreckensherrschaft abgelöst haben, sitzen wie Menschen gekleidet an einem Tisch und halten eine Zeremonie ab. Nach dem Ende des Films begeben sich meine beiden Freunde wieder nach vorne, richten auf Englisch noch ein paar Worte an die Schüler*innen. Sie schreiben vier Fragen an die Tafel, mit denen wir uns anschließend in Kleingruppen beschäftigen. Es geht dabei immer um den Begriff der Macht bzw. um „power“, deren Einfluss auf den Menschen und sein Wesen und um „true equality“. Ich bleibe auf dem Tisch sitzen, mit dem Rest meiner Gruppe bilden wir einen Kreis. Einer hat mit seiner Meinung zu der ersten Frage angefangen. Diese lautet: „Is Power inherently corrupting?“ (Ist Macht von Natur aus verderblich?). Er kann sie nicht vollständig mit „ja“ beantworten, da das Schwein, das zuerst die Macht innehatte, mit dieser bis zu seinem Tod, demokratisch, gerecht und verantwortlich umging.


Kontroverse Diskussionen


Die Diskussion ist anfangs etwas zurückhaltend, je mehr aber zu den einzelnen Fragen gesagt wird, desto angeregter beteiligen sich meine Gruppemitglieder. Obwohl diese Art von Diskussion neu für mich ist, bin auch ich nach einer Eingewöhnungsphase sehr engagiert dabei. In den meisten Punkten sind wir uns einig, aber darüber, was wir unter „true equality“ verstehen wollen, können wir uns nicht einigen. Ein Gruppenmitglied spricht sich dafür aus, dass diese in einer anderen Gesellschaft zu erreichen wäre, der Rest hält dagegen. Selbst in einer idealisierten Gesellschaft könnte „true equality“ auf Grund der Komplexität und Quantiät kleinster Ungleichheiten nicht vollkommen ungesetzt werden. Man könne sich zwar diesem Ideal annähren, es vollständig zu erreichen scheint den meisten von uns unmöglich. Während wir noch über diese Frage diskutieren, werden die anderen Gruppen fertig und meine beiden Freunde, die die Diskussion vorbereitet haben, leiten ein Gespräch mit der ganzen Gruppe ein. Auch hier ist der Anfang zögerlich, aber die Beiträge, die im Verlauf formuliert werden, finde ich beeindruckend. Viele verschiedene Positionen werden vertreten, Fragen aufgeworfen und andere Perspektiven erläutert. Es wird zum Beispiel herausgestellt, dass Macht nicht von Natur aus verderblich sein muss, aber das Streben nach mehr Macht es allerdings ist. Obwohl ich selbst noch zu unsicher bin mich einzubringen, bin ich sehr interessiert an dem Gespräch und verfolge den Verlauf angeregt. Macht ist ein Thema, das uns alle angeht, Machthabende bestimmen unseren Alltag und der verlockende Missbrauch kann schwerwiegende Folgen haben. Somit ist es wichtig sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich bewusst gegen korrupten Umgang einzusetzen, um unsere eigenen Utopien gestalten zu können.


The truth about Reality


Diese Vorgehensweise während Gruppendiskussionen haben wir mehrfach im Verlauf des Austauschs angewendet. Ich persönlich habe keinen Philosophie-Unterricht, weshalb diese Art zu diskutieren sehr neu für mich war. In kleineren Gruppen haben wir uns zu philosophischen Fragen Gedanken gemacht und unsere Überlegungen geteilt. Gesprochen wurde immer Englisch. Später haben wir in der großen Runde dann alles zusammengetragen, verschiedene Gedankenanstöße herausgestellt und über Thesen diskutiert. Zuerst wirkte dies alles sehr einschüchternd und beeindruckend auf mich, da sehr frei, aber durchdacht gesprochen wurde.

Ein beeindruckendes Thema lautete: „The truth about Reality“. Leben wir alle in verschiedenen subjektiven Realitäten oder in einer gemeinsamen objektiven Realität? Ist unsere Realität virtuell, leben wir möglicherweise in einer „Fake Realität“? Durch intensive und spannende Diskussionen haben wir diese Fragen mit den bisherigen verbunden und alle unsere Gedanken auf dieOberbegriffe „Utopie“ und „Dystopie“ bezogen. So wurde beispielsweise, orientiert an dem Film „Matrix“, darauf eingegangen, ob virtuelle Welten falsche Realitäten sind und damit Gefängnisse darstellen, oder ob man in diesen seine Utopien ausleben kann. Mich haben diese Erörterungen nachhaltig zum Denken angeregt sowie meine Sicht auf verschiedene Überlegungen erweitert.


Ausflüge nach Aachen, Maastricht und Düsseldorf


Wir saßen nicht nur in Klassenräumen, im Park und anderen Räumlichkeiten und wir haben uns nicht nur den Kopf über philosophische Thematiken zerbrochen. Wir haben unseren serbischen Gästen auch unsere Umgebung und Kultur vorgestellt. Wie waren in Maastricht, natürlich in Aachen, wir haben in Düsseldorf das Heinrich-Heine-Institut besichtigt und am letzten Nachmittag zum Abschluss zusammen gegrillt. Die Freiheiten, die wir während der ganzen Woche genießen durften, haben den eigenständigen Austausch gefördert. Viel von der Organisation wurde der Schülerschaft überlassen und es wurde auf Wünsche oder Vorschläge spontan eingegangen. Das gab uns ein Gefühl von Autonomie und Mitbestimmung.


Ana


Meine Austauschschülerin heißt Ana. Sie ist 18 Jahre alt und damit schon zwei Jahre älter als ich. Ihr Charakter unterschiedet sich von meinem stark. Sie ist sehr spontan, hat alles auf sich zukommen lassen und sich sofort in der Gruppe eingefunden. Mir fällt das nicht immer so leicht, weshalb der enge Kontakt mit ihr mich in eine andere Realität eintauchen ließ. Ich habe sie zwar durch meine Welt geführt, sie meinen Freunden vorgestellt und ihr gezeigt, was ich in meiner Freizeit mache, aber auch sie hat mich in ihr Leben mitgenommen. Sie hat versucht, mir ihre Offenheit beizubringen, ich habe ihre mitgereisten Freunde kennengelernt und sie hat mir eine Seite von „Jugendlichsein“ gezeigt, die ich bisher noch nicht erlebt habe: Ungeplant und sich auf den Moment einlassend. Wir haben auch viel geredet, sie hat von ihrem Leben in Serbien erzählt und ich von meinem. So haben wir persönliche und kulturelle Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten erleben können. Menschen in Serbien essen beispielsweise sehr gerne Fleisch und Ana, die sich vegetarisch ernährt, hat berichtet, wie selten es in Restaurants vegetarische Gerichte gibt und dass ihr viel Unverständnis entgegengebracht wird. Denn letztendlich, wie ein Schüler es in dem Austauschprogramm ausgedrückt hat, sind wir alle Jugendliche, die mit den gleichen Problemen des Erwachsenwerden zu kämpfen haben.


„Menschen, die sich kennenlernen, schießen nicht aufeinander.“


Das war das Fazit unserer Diskussion mit Bürgermeister Benjamin Fadavian, der uns zu einer Diskussionsrunde ins Rathaus eingeladen hat. Dieses Treffen fand am Montag, den 19.06., statt. Um 9:15 Uhr sollten wir uns vor dem Rathaus treffen, ab 9:30 stand uns eine Stunde zur Verfügung, in der uns der Bürgermeister empfangen und wir unseren Austausch vorstellen konnten.

Ana und ich sind viel zu früh dran. Die letzten Tage hatten wir uns verspätet, für heute wurde uns aber verdeutlicht, dass wir auf jeden Fall pünktlich sein müssen. Vorsichtshalber sind wir nun 20 Minuten zu früh da. Wir sind die ersten vor dem Rathaus. Die ersten paar Minuten stehen wir zu zweit da, sprechen, planen den restlichen Tag und scharren mit den Füßen in den staubigen Steinchen auf dem Boden. Dann kommt eine weitere Person hinzu und setzt sich auf eine der Bänke in der strahlenden Sonne. Das ist ein Lehrer vom Kaiser-Karls-Gymnasium, der auch die letzten Tage dabei war. Der Morgen ist angenehm warm, aber kühler als die restlichen Tage. Nach ein paar weiteren Minuten kommen auch die anderen Lehrer*innen. Wir gesellen uns zu ihnen und bis Viertel nach neun trudeln auch die restlichen Schüler*innen ein. Dann machen wir uns auf den Weg ins Rathaus. Nach kurzer Wartezeit in dem dunklen Vorraum werden wir nach oben in den Ratssaal geführt. Benjamin Fadavian betritt mit uns den Raum, begrüßt uns alle einzeln und schüttelt jedem die Hand. Als alle einen Sitzplatz gefunden haben, eröffnet der Bürgermeister das Gespräch und stellt sich und Marita Robertz, die Vorsitzende des Städtepartnerschaftskomitee der Stadt Herzogenrath, vor. Er beschließt seine Begrüßung mit Fragen zu unserem Austauschprojekt. Wir sitzen in einer großen Runde an Holztischen, immer zwei Leute teilen sich das Mikrofon von einer Sprechanlage. Eine deutsche Schülerin und ein Schüler aus Serbien stellen das Austauschprogramm vor, berichten von unseren Aktionen und erzählen von der serbischen Partnerschule. Dann gibt es eine Austauschrunde: Der Bürgermeister stellt Fragen und die Schülerschaft antwortet oder andersherum. Dabei stellt er organisatorische Fragen zum Austauschprogramm, aber auch über philosophische Themen oder politische Meinungen wird gesprochen: Wer weiß, was die Politik alles macht? Was hat Politik für einen Einfluss auf unseren Alltag und unsere Zukunft?

Der Bürgermeister fordert uns während des Gesprächs auf, uns politisch mehr zu engagieren. Nach betretener Stille wird geantwortet, dass ja auch die Teilnahme an diesem Schüleraustausch eine politische Aktion sei. Denn wenn man internationale Freundschafen aufbaut und pflegt, Menschen mit fremder Kultur und anderer Herkunft kennen- und schätzen lernt und Alltag, Probleme sowie Freuden teilt, wird das die Jugend zu weltoffenen, friedensorientierten Menschen formen. Und das wird auch die Politik positiv verändern.


Carla Naurath, Q2







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